Es
ist sechs Uhr morgens in Guatemala, die Sonne geht gerade auf und
Nicola sitzt bereits vor ihrem Computer und kämpft mit ihrem Drucker.
Dieser bildet einen wichtigen Bestandteil des Projektes Vision
Guatemala, das unter der Leitung von Nicola Roten Mikrokredite auf der
Basis einer NGO vergibt. Der Drucker sollte nämlich eigentlich sämtliche
Verträge und Schulungsunterlagen erstellen…sollte.
Nach knapp zwei Stunden Kampf mit dem Drucker und weiteren Backoffice Arbeiten bleibt um acht Uhr kurz Zeit für ein Frühstück.
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| Ein Frühstück bei Cesar und Nickie besteht aus Eiern, Bohnen und Tortillas. |
Üblicherweise
besteht dieses aus Eiern, Bohnen und Tortillas aber um dies gleich zu
Beginn klar zu stellen: Normal und geplant ist hier gar nichts! Also
werden zum Frühstück die Spaghettis und ein halbes Quesedilla vom Vortag
für das Team aufgewärmt, dazu etwas Toast mit Tomaten.
Um
neun Uhr beginnt dann die erste Gruppensitzung in San Juan, wo ein
Grossteil der ausschiesslich weiblichen Kreditnehmerinnen lebt und
arbeitet. Bei dem Meeting geht es einerseits darum, dass die vier Mitglieder
dieser Kreditgruppe ihre Kreditrate in bar bezahlen können und
andererseits werden sie von Nicola geschult. Alle vier Mitglieder
handeln mit selbst gewobenen Textilien. Das Thema an diesem Morgen sind
Saisonschwankungen. Die Mitglieder sollen lernen, dass in der
Hauptsaison sehr viele Güter verkauft werden können, die Einkaufspreise
für die Rohstoffe dagegen fast doppelt so teuer sind. Alle Mitglieder
haben bereits drei Sitzungen zuvor eine einfache Tabelle mit
verschiedenen Spalten erhalten. In der ersten Spalte steht die Saison
(z.B. Jan.-März) in der Zweiten die Vorteile der Saison, in der Dritten
die Nachteile und in der Letzten das Fazit. Eine einfache Aufgabe
eigentlich…nicht so für Menschen die kaum und oft gar nicht lesen oder
schreiben können. Deshalb nimmt sich Nicola die Zeit, alle zwei Wochen
innerhalb von einer Stunde eine Saison zu definieren.
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| Diese
Gruppe ist seit Januar 2012 bei Vision Guatemala. Die Mitglieder haben
ihren ersten Kredit im Mai erhalten. Der Ausbildungskurs geht jedoch
nahtlos weiter und findet zweiwöchentlich anlässlich der Ratezahlungen
statt. |
Um z
ehn Uhr geht es dann weiter zur nächsten Gruppe…ebenfalls vier
Personen, von denen heute nur drei anwesend sind. Eine davon bezahlt und
macht sich gleich wieder an die Arbeit (sie verkauft Mittagessen). Ein
Mitglied ist gar nicht erschienen, sondern hat die Ratenzahlung bei den
andern Frauen hinterlegt. Dafür stehen zwei ganz neue Frauen auf der
Matte, die vom Projekt gehört haben und nun auch gerne einen Kredit
hätten. Somit fällt die Schulung aus und Nicola nutzt die Zeit um ihnen
das Grundkonzept zu erklären. Dieses sieht vor, dass Kreditgruppen von
4 – 8 Personen gebildet werden, die für einander unbeschränkt und
solidarisch haften. Wer in eine Gruppe aufgenommen wird, bestimmt Nicola
anhand von Informationen, die sie bei Interviews und Hausbesuchen
einholt, und ihrer persönlichen Einschätzung. Nur so lässt sich die
bewundernswerte Rückzahlquote von 100% am Ende des Jahres aufrecht
erhalten. Nun zurück zum Meeting das kurzerhand von einer Schulung zu
einer Infoveranstaltung wurde, dies ist deshalb normal, da Nicola keine
Werbung macht, sondern das Projekt durch Mund zu Mund Propaganda zu
neuen Mitgliedern gelangt. Nach dieser kurzen Einführung und der
Aufnahme von Personalien vereinbart Nicola mit den beiden Frauen einen
Termin bei ihnen zu Hause um sich ein erstes Bild ihrer Lebenssituation
und Geschäftsidee zu machen.
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| Viele
unserer Mitglieder in San Juan sind Weberinnen. Wir sehen sie häufig
bei der Arbeit, da die Herstellung eines Kleidungsstücks mehrere Tage
dauert und die Kreditnehmerinnen normalerweise auf Bestellung arbeiten.
Clementina (Bild) und ihre Mutter sind beides Weberinnen. In ihrem zu
Hause findet die aktuelle Gruppensitzung statt. |
Kurz vor 11 Uhr platzt die Frau einer andern Kreditgruppe in das
Treffen, da sie gehört hat, dass Nicola im Dorf ist. Nachdem wir uns
verabschiedet haben, machen wir uns auf den Weg zu einer
ausserordentlichen Sitzung mit dieser Gruppe. Das Konzept von Vision
Guatemala sieht vor, dass die Frauen nach der erfolgreich absolvierten
Einführungsschulung, die zwischen 2 und 4 Monate dauert, gestaffelt ihre
Kredite erhalten um das Risiko zu minimieren. Dies ist eines von vielen
Sicherungsmitteln und hat sich bisher bewährt. Welche Frau wann ihr
Geld zuerst erhält, müssen die Mitglieder der Gruppe untereinander
vereinbaren.
Nun zum Problem dieser Gruppe: sie können sich nicht einigen und
Nicola muss den Streit schlichten. Sie erklärt geduldig, dass
schlussendlich alle Mitglieder einen Kredit erhalten werden.
Noch vor dem Mittagessen besuchen wir ein weiteres Mitglied, das
schon seit einigen Tagen krank im Bett liegt. Nicola erkundigt sich
genauestens nach ihrem Zustand und versucht zu helfen, wo sie nur kann.
Schon am Vortag hat sie vergebens versucht einen Artzt aufzutreiben, der
vorbeikommen kann. Auch die Kliniken sind hier überbelegt. Es fehlt
zudem an entsprechenden Untersuchungsinstrumenten. Wir versprechen, am
Nachmittag nochmals vorbei zu kommen und irgend etwas aufzutreiben, das
helfen könnte.
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| Der
Arbeitsweg zwischen San Pedro und San Juan wird häufig auf der
Ladefläche eines Pickups zurückgelegt. Das Fahrzeug hält alle paar Meter
an und lädt Passagiere auf und ab. |
Nach einer weiteren Stunde fahren wir mit dem „öffentlichen Bus“
(d.h. auf der Ladefläche eines Pick-ups) zurück nach San Pedro, wo wir
auf dem Markt das Wichtigste für die nächsten Tage einkaufen. Frische
Früchte (Ananas, Mango, Limetten und Papaya) und Gemüse (Zwiebeln,
Tomaten und Avocados), all diese Nahrungsmittel wachsen maximal 10 Km
vom Dorf entfernt. Wir kaufen auch ein Stück Ingwer für die kranke Frau.
Da die Zeit heute zu knapp ist um zu kochen, kaufen wir drei fertig
zubereitete Portionen mit Reis, Tomatensauce, Poulet, Salat aus einem
Plastiksack und Bohen für total knapp 4 Franken.
Nach dem Mittagessen und kurzen Backofficearbeiten geht es um 14.00
Uhr wieder weiter mit dem Tuctuc. Ein Tuctuc ist ein kleines überdachtes
Motorfahrzeug auf drei Rädern und Platz für 3 Personen inkl. des
Fahrers nach Schweizer Verhältnissen…in Guatemala passen problemlos vier
Erwachsene und deren Kinder hinein!
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| Taxi in San Juan La Laguna |
Unser zwei Uhr Termin ist die Pflanzenfrau Josefa. Ihre ganze Familie
handelt mit Pflanzen, die auf dem Hausdach in klein zugeschnittenen
Säcken und Bechern aus leeren Pet-Flaschen gezüchtet werden. Mit Hilfe
einer selbst gebastelten Leiter klettern wir auf das Blechdach, dass mit
Holzbrettern belegt wurde. Hier sollten wir eigentlich Inventur machen
um ihre Buchhaltung zu prüfen. Da es sich um schätzungsweise 200
Pflanzen handelt, machen wir Fotos, die wir später miteinander
vergleichen können. Josefa soll in den nächsten Tagen einen neuen Kredit
erhalten, deshalb wird alles Vorhandene überprüft.
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| Josefa
züchtet auf dem Hausdach verschiedene Pflanzenarten und verkauft sie
anschliessend an Hotels und Hausbesitzer mit Garten. Sie ist seit über
einem Jahr Mitglied von Vision Guatemala und investiert in Kürze zum
zweiten Mal einen Mikrokredit in das Familien-Pflanzenbusiness. Ihr Mann
ist Gärtner. |
In einer zweiten Phase geht es um die Planung des Einkaufes. Josefa
füllt mit Nicola eine Liste aus, in der sie genau angibt, was sie wo, zu
welchem Preis und wie einkauft und wieder verkauft. Auch dieses
Gespräch zeigt einmal mehr wie viel Wert Nicola auf die persönliche
Betreuung ihrer 150 Kreditnehmerinnen legt. Die Mitglieder werden
geschult, betreut und unterstützt. Dies alles mit dem Ziel, dass auch
die ärmsten Familien die Chance bekommen, eines Tages komplett auf
eigenen Beinen zu stehen und so ihre Lebensqualität nachhaltig
verbessern zu können.
Nun geht es bereits weiter zum nächsten Gruppenmeeting: auch hier ist
viel Flexibilität und Geduld gefragt. Das erste Mitglied besuchen wir
zu Hause, da es sich um die kranke Frau vom Morgen handelt. Wir bringen
ihr den Ingwer, holen ihre Ratenzahlung und lassen sie einen weiteren
Vertrag unterschreiben, damit sie am nächsten Tag ihren neuen Kredit
erhalten kann. Doch als wir mit etwas Verspätung bei ihrer Gruppe
eintreffen, ist nur die Präsidentin anwesend. Sie weiss nicht, wo sich
die anderen beiden Frauen befinden. Nicola erklärt, dass eines der vier
Mitglieder bereits im Voraus bezahlt hat. So machen wir uns auf den Weg,
um die letzte Frau zu Hause aufzusuchen. Diese erklärt und seelenruhig,
dass die von ihr belieferte Zwischenhändlerin zwar die Ware erhalten
hat aber ebenfalls krank im Bett liegt und nichts verkaufen konnte.
Somit hat sie ihre Güter auf Kredit weitergegeben und kann ihrer eigenen
Zahlung noch nicht nachkommen.

Nicola erklärt ihr mit viel Geduld und Bestimmtheit, dass das kein
Grund ist, einfach nicht zu erscheinen. Sie darf die Rate nun am
Wochenende begleichen, muss aber ihre Mitglieder persönlich informieren,
insbesondere da das vierte Mitglied den ausstehenden Kredit nun erst am
Tag der fälligen Ratezahlung erhalten wird.
Nach diesem Zwischenfall müssen wir umgehend wieder zurück nach San
Pedro, da Nicola noch drei Gruppenmeetings vor sich hat, die in ihrem
Büro stattfinden.
Das erste Meeting um 3 Uhr scheint auszufallen, da eine ganze Gruppe
nicht erscheint. Nicola versucht die Zeit so effizient wie möglich zu
nutzen und widmet sich der Planung des nächsten Tages.
Während der nächsten Sitzung platzt die vorherige Gruppe ins Büro und
stellt klar, dass es nicht ihre Schuld ist, dass alle vier Frauen
eineinhalb Stunden zu spät sind. Sie hätten mit vereinten Kräften ein
Blatt gesucht, auf dem alle Zahlungen der Gruppe erfasst sind bis sie
feststellten, dass das Papier im Büro von Vision Guatemala hinterlegt
war. Die Gruppe wird bis zum Ende der nächsten Sitzung aus dem Büro
geschickt und um etwas Geduld gebeten.
Nun wird das Gespräch mit der anwesenden Gruppe fortgesetzt, die
heute einen Kredit erhalten soll. Bereits am morgen hatten wir der
Gruppe einen Besuch abgestattet. Die Gruppe ist sich nun einig, wer den
Kredit zuerst ausbezahlt erhält. Die Mitglieder unterzeichnen per
Fingerabdruck den Gruppenvertrag, da sie ihren Namen nicht schreiben
können.
Nun darf die wartende Gruppe kommen, um die Ratenzahlungen zu
begleichen. Kaum sind diese weg, steht eine Frau vor der Türe, die
zusammen mit ihrer nicht anwesenden Kollegin in das Projekt einsteigen
möchte. Also macht Nicola eine kurze Einführung und vereinbart Termine
um die Frauen zu interviewen und ihren Antrag zu prüfen.
Abends um sechs Uhr kehrt Nicola nach Hause zurück um etwas
auszuruhen, doch dafür bleibt nicht viel Zeit. Wie schon erwähnt handelt
es sich bei Vision Guatemala um eine NGO, wobei sich das Team seinen
Lebensunterhalt selbst verdient. Dies tun sie mit Hilfe ihrer eigenen
Bar (Coco‘s Bar), in der sie bis spät in die Nacht hinein Touristen mit
frischen Drinks versorgen.
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| Abends
beginnt das “andere Leben” in der Coco’s Bar. Hier verdienen sich Cesar
und Nickie ihren persönlichne Lebensunterhalt. Oft werden auch das
Benzin und andere Projektauslagen mit den Bareinnahmen bezahlt. |
Mein persönliches Fazit nach einem Tag mit Vision Guatemala: Es ist
unglaublich anstrengend, man braucht endlos viel Geduld mit den
Kreditnehmerinnen und Flexibilität ist das oberste Gebot.
Es war für mich unfassbar zu sehen, wie 15-20 Personen in zwei
kleinen Räumen ohne Badezimmer und mit einer Feuerstelle anstatt einer
Küche, leben und in nur zwei Betten schlafen können. Andererseits hat es
mich beeindruckt zu sehen, wie viel man mit so wenig Geld (die Kredite
beginnen bei 112.- und gehen bis max. 250.-), viel Geduld,
Fingespitzengefühl und einem relativ einfachen Konzept erreichen kann.
Nicola konnte mit ihrer Arbeit hier bereits 150 Familien helfen, ihr
eigenes Buisness zu eröffnen und so selbständig auf eigenen Beinen zu
stehen.
By Geraldine