Nach knapp zwei Stunden Kampf mit dem Drucker und weiteren Backoffice Arbeiten bleibt um acht Uhr kurz Zeit für ein Frühstück.
Ein Frühstück bei Cesar und Nickie besteht aus Eiern, Bohnen und Tortillas. |
Um neun Uhr beginnt dann die erste Gruppensitzung in San Juan, wo ein Grossteil der ausschiesslich weiblichen Kreditnehmerinnen lebt und arbeitet. Bei dem Meeting geht es einerseits darum, dass die vier Mitglieder dieser Kreditgruppe ihre Kreditrate in bar bezahlen können und andererseits werden sie von Nicola geschult. Alle vier Mitglieder handeln mit selbst gewobenen Textilien. Das Thema an diesem Morgen sind Saisonschwankungen. Die Mitglieder sollen lernen, dass in der Hauptsaison sehr viele Güter verkauft werden können, die Einkaufspreise für die Rohstoffe dagegen fast doppelt so teuer sind. Alle Mitglieder haben bereits drei Sitzungen zuvor eine einfache Tabelle mit verschiedenen Spalten erhalten. In der ersten Spalte steht die Saison (z.B. Jan.-März) in der Zweiten die Vorteile der Saison, in der Dritten die Nachteile und in der Letzten das Fazit. Eine einfache Aufgabe eigentlich…nicht so für Menschen die kaum und oft gar nicht lesen oder schreiben können. Deshalb nimmt sich Nicola die Zeit, alle zwei Wochen innerhalb von einer Stunde eine Saison zu definieren.
ehn Uhr geht es dann weiter zur nächsten Gruppe…ebenfalls vier Personen, von denen heute nur drei anwesend sind. Eine davon bezahlt und macht sich gleich wieder an die Arbeit (sie verkauft Mittagessen). Ein Mitglied ist gar nicht erschienen, sondern hat die Ratenzahlung bei den andern Frauen hinterlegt. Dafür stehen zwei ganz neue Frauen auf der Matte, die vom Projekt gehört haben und nun auch gerne einen Kredit hätten. Somit fällt die Schulung aus und Nicola nutzt die Zeit um ihnen das Grundkonzept zu erklären. Dieses sieht vor, dass Kreditgruppen von 4 – 8 Personen gebildet werden, die für einander unbeschränkt und solidarisch haften. Wer in eine Gruppe aufgenommen wird, bestimmt Nicola anhand von Informationen, die sie bei Interviews und Hausbesuchen einholt, und ihrer persönlichen Einschätzung. Nur so lässt sich die bewundernswerte Rückzahlquote von 100% am Ende des Jahres aufrecht erhalten. Nun zurück zum Meeting das kurzerhand von einer Schulung zu einer Infoveranstaltung wurde, dies ist deshalb normal, da Nicola keine Werbung macht, sondern das Projekt durch Mund zu Mund Propaganda zu neuen Mitgliedern gelangt. Nach dieser kurzen Einführung und der Aufnahme von Personalien vereinbart Nicola mit den beiden Frauen einen Termin bei ihnen zu Hause um sich ein erstes Bild ihrer Lebenssituation und Geschäftsidee zu machen.
Nun zum Problem dieser Gruppe: sie können sich nicht einigen und Nicola muss den Streit schlichten. Sie erklärt geduldig, dass schlussendlich alle Mitglieder einen Kredit erhalten werden.
Noch vor dem Mittagessen besuchen wir ein weiteres Mitglied, das schon seit einigen Tagen krank im Bett liegt. Nicola erkundigt sich genauestens nach ihrem Zustand und versucht zu helfen, wo sie nur kann. Schon am Vortag hat sie vergebens versucht einen Artzt aufzutreiben, der vorbeikommen kann. Auch die Kliniken sind hier überbelegt. Es fehlt zudem an entsprechenden Untersuchungsinstrumenten. Wir versprechen, am Nachmittag nochmals vorbei zu kommen und irgend etwas aufzutreiben, das helfen könnte.
Der Arbeitsweg zwischen San Pedro und San Juan wird häufig auf der Ladefläche eines Pickups zurückgelegt. Das Fahrzeug hält alle paar Meter an und lädt Passagiere auf und ab. |
Nach dem Mittagessen und kurzen Backofficearbeiten geht es um 14.00 Uhr wieder weiter mit dem Tuctuc. Ein Tuctuc ist ein kleines überdachtes Motorfahrzeug auf drei Rädern und Platz für 3 Personen inkl. des Fahrers nach Schweizer Verhältnissen…in Guatemala passen problemlos vier Erwachsene und deren Kinder hinein!
Taxi in San Juan La Laguna |
In einer zweiten Phase geht es um die Planung des Einkaufes. Josefa füllt mit Nicola eine Liste aus, in der sie genau angibt, was sie wo, zu welchem Preis und wie einkauft und wieder verkauft. Auch dieses Gespräch zeigt einmal mehr wie viel Wert Nicola auf die persönliche Betreuung ihrer 150 Kreditnehmerinnen legt. Die Mitglieder werden geschult, betreut und unterstützt. Dies alles mit dem Ziel, dass auch die ärmsten Familien die Chance bekommen, eines Tages komplett auf eigenen Beinen zu stehen und so ihre Lebensqualität nachhaltig verbessern zu können.
Nun geht es bereits weiter zum nächsten Gruppenmeeting: auch hier ist viel Flexibilität und Geduld gefragt. Das erste Mitglied besuchen wir zu Hause, da es sich um die kranke Frau vom Morgen handelt. Wir bringen ihr den Ingwer, holen ihre Ratenzahlung und lassen sie einen weiteren Vertrag unterschreiben, damit sie am nächsten Tag ihren neuen Kredit erhalten kann. Doch als wir mit etwas Verspätung bei ihrer Gruppe eintreffen, ist nur die Präsidentin anwesend. Sie weiss nicht, wo sich die anderen beiden Frauen befinden. Nicola erklärt, dass eines der vier Mitglieder bereits im Voraus bezahlt hat. So machen wir uns auf den Weg, um die letzte Frau zu Hause aufzusuchen. Diese erklärt und seelenruhig, dass die von ihr belieferte Zwischenhändlerin zwar die Ware erhalten hat aber ebenfalls krank im Bett liegt und nichts verkaufen konnte. Somit hat sie ihre Güter auf Kredit weitergegeben und kann ihrer eigenen Zahlung noch nicht nachkommen.
Nicola erklärt ihr mit viel Geduld und Bestimmtheit, dass das kein Grund ist, einfach nicht zu erscheinen. Sie darf die Rate nun am Wochenende begleichen, muss aber ihre Mitglieder persönlich informieren, insbesondere da das vierte Mitglied den ausstehenden Kredit nun erst am Tag der fälligen Ratezahlung erhalten wird.
Nach diesem Zwischenfall müssen wir umgehend wieder zurück nach San Pedro, da Nicola noch drei Gruppenmeetings vor sich hat, die in ihrem Büro stattfinden.
Das erste Meeting um 3 Uhr scheint auszufallen, da eine ganze Gruppe nicht erscheint. Nicola versucht die Zeit so effizient wie möglich zu nutzen und widmet sich der Planung des nächsten Tages.
Während der nächsten Sitzung platzt die vorherige Gruppe ins Büro und stellt klar, dass es nicht ihre Schuld ist, dass alle vier Frauen eineinhalb Stunden zu spät sind. Sie hätten mit vereinten Kräften ein Blatt gesucht, auf dem alle Zahlungen der Gruppe erfasst sind bis sie feststellten, dass das Papier im Büro von Vision Guatemala hinterlegt war. Die Gruppe wird bis zum Ende der nächsten Sitzung aus dem Büro geschickt und um etwas Geduld gebeten.
Nun wird das Gespräch mit der anwesenden Gruppe fortgesetzt, die heute einen Kredit erhalten soll. Bereits am morgen hatten wir der Gruppe einen Besuch abgestattet. Die Gruppe ist sich nun einig, wer den Kredit zuerst ausbezahlt erhält. Die Mitglieder unterzeichnen per Fingerabdruck den Gruppenvertrag, da sie ihren Namen nicht schreiben können.
Nun darf die wartende Gruppe kommen, um die Ratenzahlungen zu begleichen. Kaum sind diese weg, steht eine Frau vor der Türe, die zusammen mit ihrer nicht anwesenden Kollegin in das Projekt einsteigen möchte. Also macht Nicola eine kurze Einführung und vereinbart Termine um die Frauen zu interviewen und ihren Antrag zu prüfen.
Abends um sechs Uhr kehrt Nicola nach Hause zurück um etwas auszuruhen, doch dafür bleibt nicht viel Zeit. Wie schon erwähnt handelt es sich bei Vision Guatemala um eine NGO, wobei sich das Team seinen Lebensunterhalt selbst verdient. Dies tun sie mit Hilfe ihrer eigenen Bar (Coco‘s Bar), in der sie bis spät in die Nacht hinein Touristen mit frischen Drinks versorgen.
Mein persönliches Fazit nach einem Tag mit Vision Guatemala: Es ist unglaublich anstrengend, man braucht endlos viel Geduld mit den Kreditnehmerinnen und Flexibilität ist das oberste Gebot.
Es war für mich unfassbar zu sehen, wie 15-20 Personen in zwei kleinen Räumen ohne Badezimmer und mit einer Feuerstelle anstatt einer Küche, leben und in nur zwei Betten schlafen können. Andererseits hat es mich beeindruckt zu sehen, wie viel man mit so wenig Geld (die Kredite beginnen bei 112.- und gehen bis max. 250.-), viel Geduld, Fingespitzengefühl und einem relativ einfachen Konzept erreichen kann. Nicola konnte mit ihrer Arbeit hier bereits 150 Familien helfen, ihr eigenes Buisness zu eröffnen und so selbständig auf eigenen Beinen zu stehen.
By Geraldine